Für Netzakteure

Ländlicher Raum mit Feldern und Bauernhöfen

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Mehr Miteinander

Für eine bessere Koordination im Gesundheitswesen

In vielen Bereichen wird heute noch zu oft nebeneinander statt miteinander gearbeitet. Das gilt besonders im Gesundheits- und Sozialwesen. Mangelndes Wissen voneinader und wenig Abstimmung – etwa zwischen Arztpraxen, Apotheken, Pflegediensten, Kommunen, Sozialorganisationen und Vereinen – führt nicht nur zu Doppelstrukturen und unnötigem Aufwand, sondern belastet auch Personal und Ressourcen, die ohnehin knapp sind. Dabei könnten eine bessere Koordination und mehr sektorübergreifende Zusammenarbeit helfen, wertvolle Zeit zu sparen, Kosten zu senken und die Qualität von Versorgung und Prävention gleichermaßen zu steigern.

Kräfte bündeln

Alle würden profitieren

Dies gilt besonders in Zeiten des Umbruchs, wie wir sie gerade erleben. Wenn Akteure aus Medizin, Pflege, Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft ihre Kräfte bündeln und miteinander statt gegeneinander arbeiten, profitieren alle – vor allem die Menschen vor Ort. Vertrauen, gemeinsame Ziele und ein offener Austausch sind dabei die Schlüssel, um Effizienz und Menschlichkeit zu verbinden – in der Sprechstunde ebenso wie im Quartierstreff oder im Sportverein.

Zwei Studienteile liefern wichtige Erkenntnisse

Die Praxisbeispiele aus der Studie zeigen, wie regionale Lösungen entstehen können: durch das Zusammenspiel medizinischer Netzwerke, kommunaler Träger, Pflege, zivilgesellschaftlicher Organisationen, Vereine und weiterer lokaler Akteure. Entscheidend ist, vorhandene Ressourcen vor Ort zu bündeln, Zuständigkeiten zu klären und verlässliche Koordinationsstrukturen aufzubauen. Damit wird deutlich: Wer Versorgungslücken schließen und präventive Potenziale erschließen will, muss Versorgung und Prävention stärker zusammendenken. Tragfähige Ansätze entstehen dort, wo Akteure über Sektoren und Ressortgrenzen hinweg zusammenarbeiten und gemeinsame Ziele für die Region verfolgen.

Erkenntnisse für die Gesundheitsversorgung

Einbindung nicht-ärztlicher Ressourcen  

Wenn im Sinne eines arbeitsteiligen Vorgehens medizinische Assistenzkräfte eingesetzt werden, entlastet dies Ärztinnen und Ärzte. Die positive Folge: Die knappe Ressource Arztzeit wird besser verwendet und es bleibt mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten. Ein Beispiel ist die Delegation an nicht-ärztliche Praxisassistenten (NäPas). Diese können Ärzte bei Hausbesuchen unterstützen, einfache Untersuchungen und Behandlungen durchzuführen sowie Verordnungen nach ärztlicher Rücksprache anpassen. Anwendungsbeispiele bieten UGHO und Büsum.

Digitale Infrastruktur und Telemedizin

Wenn digitale Gesundheitslösungen wie Televisiten in den regionalen Versorgungskontext integriert und digital gestützte, gemeinsam abgestimmte Prozesse aufgebaut werden, kann die Zusammenarbeit und die Koordination zwischen regionalen Akteuren enorm verbessert werden. Effizienz und Qualität der medizinischen Versorgung steigen in der Regel ebenso. Beispiele sind gemeinsam für das Gesundheitsnetz abgestimmte Behandlungspfade, digitale Plattformen zum Informations- und Datenaustausch zwischen Leistungserbringern, die Integration und Steuerung von Delegationsaufgaben oder telemedizinische Lösungen bei der Vor-Ort-Betreuung. Anwendungsbeispiele bieten Haffnet und PANOS.

Zusammenarbeit auf Basis von Behandlungspfaden

Damit Patientinnen und Patienten mit komplexen Erkrankungen gut und effektiv versorgt werden können, braucht es die optimierte Zusammenarbeit aller Beteiligter über Fachdisziplinen und Berufsgruppen hinweg. Standardisierte Netzwerkprozesse (z. B. gemeinsame Behandlungspfade) und Absprachen zur Überleitung von Patienten finden in sechs von sieben der untersuchten Netzwerke statt. Dabei geht es um die leitliniengerechte Behandlung von Schwerpunkterkrankungen wie Diabetes mellitus oder koronarer Herzerkrankung. Das ist gut für die Patientinnen und Patienten. Darüber hinaus wirkt sich die Zusammenarbeit auch positiv auf das Gruppengefühl im Gesundheitsnetz und eine gemeinsame Identität aus. Qualitätszirkel, Netzwerktreffen und Weiterbildungsangebote sind vorteilhaft für alle Netzwerkbeteiligten. Anwendungsbeispiele bieten Kinzigtal und Prosper.  

Professionalisierung der Gesundheitsnetze

Eine Netzwerk-Managementgesellschaft organisiert und koordiniert die Netzarbeit. Daneben kümmert sie sich um vertragliche Angelegenheiten mit z.B. Krankenkassen bei Präventionsprogrammen, Disease Management, um Weiterbildungsmaßnahmen oder um die Akquise von Drittmitteln. Hierdurch entlastet sie die Mitglieder des Gesundheitsnetzes von Bürokratie und schafft ihnen Freiraum für ihre ärztliche Kernaufgaben. Häufig wird die Zentrale aus dem Netzverbund heraus gegründet und besetzt. Wenn ärztliches und kaufmännisch geschultes Personal eingesetzt wird, erhöht dies die Akzeptanz im Gesundheitsnetz und trägt zur besseren Umsetzung der Netzwerkziele bei. Anwendungsbeispiele bieten UGHO und Haffnet. 

Direkte Beteiligung von Patientinnen und Patienten

Wenn Patientinnen und Patienten bei ihrer ärztlichen und pflegerischen Versorgung eine aktive Rolle einnehmen, hat dies einen großen Einfluss auf den Behandlungserfolg und die Patientenzufriedenheit. Beispiele zur Patientenbeteiligung sind Schulungsangebote, Bonuszahlungen, regelmäßige Befragungen, die Einbindung von Fallmanagern oder von ehrenamtlichen Patientenvertretern. Anwendungsbeispiele bieten Büsum, Prosper oder Kinzigtal.

Erkenntnisse für die kommunale Prävention

Tragfähige Strukturen und Verstetigungsperspektiven

Erfolgreiche kommunale Gesundheitsförderung gelingt dort, wo klare lokale Strukturen vorhanden sind: kommunale Koordinationsstellen, Gesundheitsmanagerinnen und Gesundheitsmanager, Quartiersbüros, lokale Kümmerer, Planungskreise oder dauerhaft verankerte Anlaufstellen. Sie schaffen Verbindlichkeit, bündeln Informationen und koordinieren Akteure. Zugleich zeigt sich: Viele gute Ansätze bleiben abhängig von befristeter Projektförderung, Einzelpersonen oder ehrenamtlichem Engagement. Die zentrale Herausforderung liegt daher nicht im Fehlen guter Projektideen, sondern in ihrer dauerhaften Verankerung.

Partizipation, lokale Akteure und persönliche Ansprache

Die Beispiele zeigen, dass Prävention besonders dann angenommen wird, wenn Zielgruppen und lokale Schlüsselpersonen aktiv einbezogen werden. Dazu gehören Ehrenamtliche, Bewegungsmentorinnen und Bewegungsmentoren, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Seniorenvertretungen, Nachbarschaftsinitiativen, Quartiersakteure, Vereine, soziale Träger und lokale Einrichtungen. Persönliche Ansprache an vertrauten Orten ist häufig wirksamer als allgemeine Öffentlichkeitsarbeit. Partizipation bei der Feststellung von Bedarfen und Entwicklung von Angeboten erhöht die Passgenauigkeit, stärkt Vertrauen und verbessert die Zielgruppenerreichung.

Niedrigschwellige, wohnortnahe und flexible Angebote

Präventionsangebote müssen möglichst alltagsnah gestaltet sein: kostenfrei oder kostengünstig, wohnortnah, ohne formale Zugangshürden und an vertrauten Orten. Klassische kommunale Strukturen reichen gerade bei älteren, mobilitätseingeschränkten, isolierten oder sozial benachteiligten Menschen häufig nicht aus. Erfolgreiche Angebote setzen deshalb auf bekannte Treffpunkte, flexible Teilnahmebedingungen, wiedererkennbare Formate und lokale Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Zusammendenken von Bewegung, Einsamkeitsprävention und sozialer Teilhabe

Viele Projekte verbinden Bewegungsförderung mit kognitiver Aktivierung, sozialem Austausch und Gruppenbindung. Damit adressieren sie mehrere Ziele zugleich: körperliche Aktivität, mentale Aktivierung, Alltagsstruktur, soziale Teilhabe und Einsamkeitsprävention. Gerade im Alter ist Bewegung häufig dann attraktiv, wenn sie nicht als leistungsorientiertes Sportangebot erscheint, sondern als gemeinsames, alltagsnahes und soziales Format.

Zielgruppenerreichung bleibt anspruchsvoll - besonders bei Männern, Menschen mit Migrationsgeschichte und vulnerablen Lebenslagen

Auch niedrigschwellige Angebote erreichen nicht automatisch diejenigen, die besonders von Prävention profitieren könnten. Schwer erreichbar bleiben insbesondere isolierte, hochaltrige, mobilitätseingeschränkte oder sozial benachteiligte Personen. Auch Männer und Menschen mit Migrationsgeschichte sind in vielen Angeboten unterrepräsentiert. Entscheidend ist daher eine differenzierte Zielgruppenansprache, die konkrete Lebenslagen, Sprachen, Rollenbilder, Mobilität, Gesundheitskompetenz und Vertrauenswege berücksichtigt.

Babyboomer sind Zielgruppe und Ressource zugleich

Die Baby-Boomer-Generation sollte nicht nur als zukünftige Zielgruppe präventiver Angebote verstanden werden. Viele Personen dieser Generation befinden sich im Übergang zwischen Erwerbsleben und Ruhestand und verfügen über Kompetenzen, Netzwerke, Erfahrungswissen und Engagementpotenziale. Sie können als Bewegungsmentorinnen und Bewegungsmentoren, Nachbarschaftsakteure, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren oder Unterstützende in lokale Strukturen eingebunden werden. Das stärkt nicht nur Angebote vor Ort, sondern kann auch Teilhabe und Sinnstiftung im Übergang in die nachberufliche Lebensphase fördern.

Transfer und Verzahnung brauchen lokale Anpassung und sektorübergreifende Zusammenarbeit

Der Transfer erfolgreicher Ansätze aus städtischen Kontexten in ländliche oder strukturschwache Räume ist möglich, aber nicht durch reine Übertragung eines Projektmodells. Er braucht lokale Bedarfsanalysen, angepasste Umsetzungskonzepte, Transferbudgets, Koordination und begleitende Unterstützungsstrukturen. Zugleich bleibt die stärkere Verzahnung von Prävention, Pflege und medizinischer Versorgung ein zentrales Entwicklungsfeld. Prävention sollte nicht isoliert neben Versorgung und Pflege stehen, sondern in lokale Unterstützungs- und Versorgungsketten eingebunden werden.

Praxisbeispiele im Überblick: