AWO Köln – Demenz und Migration

Kultursensible Demenzarbeit in der Kommune. Das Gemeinschaftsprojekt „Demenz und Migration“ der AWO Köln, Interview mit der stellvertretenden Fachbereichsleitung Verena Rech vom 26.02.2026

AWO Köln Demenz und Migration

© JulianHukePotography

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Projektüberblick

Menschen mit Demenz und Migrationsgeschichte stehen häufig vor besonderen Herausforderungen: Sprachliche Barrieren, kulturelle Unterschiede und Schwierigkeiten, sich im bestehenden Unterstützungsangebot zurechtzufinden, erschweren den Zugang zum Hilfesystem. Das betrifft nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre pflegenden Angehörigen, die im Alltag oft hohe Belastungen tragen und gleichzeitig Orientierung im deutschen Altenhilfesystem suchen.

Bild von Verena Rech von AWO Köln

Interview mit Frau Verena Rech

Ein Beispiel dafür, wie Kommunen und Wohlfahrtsverbände darauf reagieren können, ist das Gemeinschaftsprojekt „Demenz und Migration“ des AWO Kreisverbandes Köln e. V. (AWO Köln e. V.). Es verbindet kultursensible Beratung mit der Qualifizierung ehrenamtlicher Multiplikator:innen, muttersprachlicher Begleitung im häuslichen und quartiersnahen Umfeld, Gruppenangeboten für Menschen mit Demenz, Schulungen für Angehörige und einer aktiven Netzwerkarbeit, die bestehende Unterstützungsangebote besser zugänglich machen soll. Im Interview berichtet Frau Verena Rech, stellvertretende Fachbereichsleitung Senior:innen der AWO Köln, über die Entstehung des Projekts, praktische Erfahrungen aus der Umsetzung und darüber, welche Rolle Kommunen für eine nachhaltige Gesundheitsförderung in einer vielfältiger werdenden, alternden Gesellschaft spielen.

Zum Projekt - Was zeichnet das Gemeinschaftsprojekt „Demenz und Migration“ aus?

Das Gemeinschaftsprojekt „Demenz und Migration“ ist bereits seit 2013 Teil der offenen Senior:innen arbeit der AWO Köln und verbindet zwei bestehende Angebote: den häuslichen Unterstützungsdienst für Menschen mit Demenz und das Projekt „Veedel für Alle“, das Menschen aus der türkischen Community über Angebote der Altenhilfe informiert. Beide Projekte werden von der Stadt Köln mitfinanziert. „Der häusliche Unterstützungsdienst richtet sich in erster Linie an pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz und soll sie im Alltag entlasten“, erklärt Verena Rech. „Das Projekt „Veedel für Alle“ verfolgt dagegen einen niedrigschwelligen Ansatz: Menschen aus der türkischen Community werden darüber informiert, welche Angebote das deutsche Altenhilfesystem überhaupt bietet.“ Gerade bei älteren Menschen mit eigener Migrationserfahrung sind diese Angebote bislang häufig noch nicht ausreichend bekannt oder zugänglich. Viele ältere Menschen mit Migrationsgeschichte haben bislang nur begrenzten Zugang zu Informationen über Unterstützungsangebote oder zu den entsprechenden Antragswegen. Das Gemeinschaftsprojekt entstand aus der Beobachtung, dass sich diese beiden Themenfelder überschneiden und gegenseitig unterstützen können: „Viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte aus der Türkei erreichen inzwischen ein höheres Alter und kommen entsprechend auch in die Situation, an Demenz zu erkranken. Gleichzeitig gibt es für diese Zielgruppe bislang nur sehr wenige spezifische Unterstützungsangebote.“ Daher sitzen auch beide Projekte räumlich zusammen in Köln Ehrenfeld. Es wurde ein kultursensibles Modul entwickelt, das sich mit migrationsspezifischen Aspekten befasst und alle Beteiligten schult: „Dabei geht es zum Beispiel darum, welche Rolle Sprache spielt, welche Rituale oder Umgangsformen wichtig sind oder wie man Menschen begegnet, die möglicherweise im Verlauf einer Demenzerkrankung ihre erlernte Zweitsprache wieder verlieren.“

 

Ein zentraler Baustein des Projekts ist die Qualifizierung von Multiplikator:innen aus der türkischen Community. Diese absolvieren eine etwa 40-stündige Schulung, in der Grundlagen zu Demenz, zum Umgang mit Betroffenen und zu Unterstützungsleistungen vermittelt werden. Die Multiplikator:innen übernehmen selbst keine umfassende Beratung. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Informationen in die Menschen aus der türkischen Community zu tragen und Betroffene an die hauptamtlichen Ansprechpartner:innen zu vermitteln. „Wir brauchen Menschen, die draußen wissen lassen, dass es dieses Angebot gibt. Erst wenn jemand weiß, dass es Unterstützung gibt, kann er sich auch an uns wenden.“ Der Zugang erfolgt daher häufig über persönliche Netzwerke, Veranstaltungen oder Mund-zu-Mund-Empfehlungen.

 

Die Rückmeldungen der Menschen aus der türkischen Community zum Gemeinschaftsprojekt sind durchweg positiv. „Menschen, die einmal mit dem Projekt in Kontakt sind, bleiben häufig über längere Zeit angebunden“, berichtet Verena Rech. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Grenzen - insbesondere durch die verfügbaren personellen Ressourcen. „Die vorhandenen personellen Ressourcen setzen hier natürliche Grenzen. Darin müssen Beratung, Schulungen, Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerkarbeit und Projektentwicklung untergebracht werden.“

Zur Übertragbarkeit - Wie kann das Modell auch in anderen Kommunen funktionieren?

Das Projekt stößt auch über Köln hinaus auf Interesse. Immer wieder erreichen die AWO Anfragen von anderen Kommunen, Organisationen oder Forschungseinrichtungen, die sich über das Modell informieren möchten. „Es gibt viele Rückfragen - von Universitäten, von kommunalen Stellen oder von anderen Trägern, die ähnliche Angebote aufbauen möchten.“  Für eine erfolgreiche Übertragung auf andere Regionen sieht Frau Rech jedoch mehrere Voraussetzungen. Zunächst spielt die kommunale Finanzierung eine entscheidende Rolle. „Solche Dienstleistungen sind hoch relevant, müssen für die Zielgruppe aber kostenfrei sein. Beratung kann nicht über Gebühren finanziert werden - deshalb müssen die Personalkosten refinanziert sein.“ Darüber hinaus hängt die Umsetzung stark von den gegebenen lokalen Strukturen ab. In Städten mit einem gut ausgebauten Netz niedrigschwelliger Angebote - etwa offenen Seniorentreffs, Beratungsstellen oder Quartiersprojekten - lassen sich neue Projekte leichter verankern. „Dort, wo viele niedrigschwellige Angebote existieren, gibt es auch mehr Möglichkeiten, über ein Projekt zu informieren und Menschen zu erreichen.“ In ländlichen Regionen sei dies deutlich schwieriger. „Wenn Menschen kaum noch mobil sind und sich ihr Alltag auf wenige Orte beschränkt, dann ist es viel schwieriger, Informationen über neue Angebote zu verbreiten und diese Personen tatsächlich zu erreichen.“ Auch kulturelle und sprachliche Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle. Beratung könne nur funktionieren, wenn die Fachkräfte die Sprache der Zielgruppe sprechen. „Für Dolmetscher gibt es in solchen Situationen in der Regel keine Finanzierung. Deshalb ist es wichtig, dass die beratenden Personen selbst über Sprachkompetenzen verfügen.“

Zur Zukunft - Welche Aufgaben haben Kommunen in einer vielfältiger werdenden alternden Gesellschaft?

Für Verena Rech ist die Kommune ein zentraler Akteur in der Gesundheitsförderung für ältere Menschen. Neben der finanziellen Unterstützung hat sie vor allem eine planerische Verantwortung. Kommunen analysieren demografische Entwicklungen, identifizieren Unterstützungsbedarfe und entscheiden, welche Strukturen aufgebaut werden müssen. „Die Kommune muss sich anschauen: Wie altern die Generationen? Welche Bedarfe entstehen? Und welche Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen braucht eine Stadt, um ihre ältere und vielfältiger werdende Gesellschaft gut begleiten und versorgen zu können? Gerade mit Blick auf den Grundsatz ‚ambulant vor stationär‘ wird es zunehmend wichtiger, Menschen möglichst lange im eigenen Zuhause zu unterstützen. Und das ist klar eine städtische Aufgabe.“ Dabei spielt die Evaluation kommunaler Angebote eine entscheidende Rolle. Das Gemeinschaftsprojekt arbeitet bereits seit Jahren mit eigenen Kennzahlen - etwa zur Zahl der Multiplikator:innen, der vermittelten Familien oder der durchgeführten Schulungen. Seit 2026 fordert die Stadt Köln zusätzlich von allen geförderten Senior:innenprojekten eine systematische Evaluation. „Die Kommune möchte natürlich wissen, wie viele Menschen erreicht werden, über welche Wege sie zu den Angeboten kommen und welche Themen in den Beratungen besonders häufig auftreten.“ Solche Daten sollen dazu beitragen, Angebote gezielter weiterzuentwickeln und Ressourcen sinnvoll einzusetzen.  


Für die Zukunft wünscht sich Rech vor allem eine stärkere gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse älterer Menschen. „Ältere Menschen brauchen eine stärkere Lobby. Wir müssen stärker darüber nachdenken, was ein lebenswertes Leben im Alter ausmacht - unabhängig davon, aus welcher Kultur jemand kommt.“ Langfristig sieht sie kommunale Gesundheitsförderung als Gemeinschaftsaufgabe von Politik, Gesellschaft und lokalen Akteuren. Nur wenn diese zusammenarbeiten, könne eine alternde und zunehmend vielfältige Gesellschaft nachhaltig unterstützt werden.

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