
Projektüberblick
Die LUCAS-Studie begleitet seit dem Jahr 2000 ältere Menschen in Hamburg und untersucht, wie Selbstständigkeit, Gesundheit und Pflegebedürftigkeit im Alter zusammenhängen. Im Mittelpunkt steht ein funktionales Verständnis von Gesundheit: Entscheidend ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern die Fähigkeit, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Die Studie zeigt, dass funktionelle Einschränkungen früh erkannt werden können und gesundheitsfördernde Lebensstilveränderungen auch im hohen Alter noch wirksam sind. Damit liefert LUCAS wichtige Impulse für kommunale Prävention, geriatrische Früherkennung und den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis.

© Dr. Ulrike Dapp
Interview mit Dr. Ulrike Dapp vom 29.10.2025
Dr. Ulrike Dapp begleitet die Studie seit Beginn als zentrale wissenschaftliche Akteurin. Als Erstautorin des Studienprotokolls und langjährige Leiterin der konzeptionellen Weiterentwicklung verbindet sie epidemiologische Längsschnittforschung mit praxisnaher Präventionsforschung.
1. Erkenntnisse und Meilensteine der LUCAS-Studie
Bevor wir in die Studie einsteigen, geben Sie uns doch bitte ein Gefühl, wo Sie heute mit der Studie stehen.
Wir sind im Jahr 2000 mit insgesamt 3326 eingeschriebenen älteren Menschen gestartet, und heute – 25 Jahre später – gehören noch rund 400 Personen formal zur Kohorte, d.h. dass diese Personen an allen bisherigen zehn LUCAS-Befragungswellen teilnahmen. In der aktuell durchgeführten elften Befragungswelle haben von diesen bereits 260 weiterhin aktiv teilgenommen (Spontanrücklauf, noch ohne Erinnerung).
Wie hat sich im Verlauf dieser langen Zeit das Verständnis von Gesundheit, Selbstständigkeit und Prävention im Alter verändert, und welche Befunde erscheinen Ihnen rückblickend besonders bedeutsam?
Als wir im Jahr 2000 mit der LUCAS-Studie begonnen haben, gab es in der Statistik praktisch keine Informationen zur Gesundheit im Alter – lediglich Daten zur Abwesenheit von Gesundheit, also zu Pflegefällen, Krankenhausaufenthalten oder Todesursachen. Für uns war deshalb früh klar, dass wir einen anderen Zugang brauchen. Im Verlauf der Studie hat sich dann sehr deutlich gezeigt, dass Gesundheit im Alter nicht über Diagnosen oder Einzelkrankheiten verstanden werden sollte, sondern über die Frage, wie selbstständig ältere Menschen ihren Alltag bewältigen können.
Damit hat sich das Verständnis Schritt für Schritt von einer diagnosespezifischen, defizitorientierten Sicht hin zu einem funktionalen und ressourcenorientierten Ansatz verschoben. Zentral wurde für uns das Konzept der funktionalen Kompetenz, also die Balance zwischen Risiken und Reserven. Dieser Ansatz hat sich über die Jahre empirisch bestätigt und findet sich später auch im WHO-Framework von 2015 zur „Functional Ability“ wieder.
Rückblickend besonders bedeutsam waren für uns drei Erkenntnisse: Erstens lässt sich der Verlust von Selbstständigkeit sehr früh und zuverlässig über funktionale Marker identifizieren – deutlich bevor Pflegebedürftigkeit klinisch sichtbar wird. Zweitens zeigte sich, dass Hausärztinnen und Hausärzte schleichende Verschlechterungen häufig unterschätzen, was die Bedeutung objektiver, niedrigschwelliger Screenings wie des LUCAS-Funktionsindex eindrücklich bestätigt. Und drittens konnten wir klar nachweisen, dass gesundheitsfördernde Lebensstilveränderungen selbst im hohen Alter möglich und wirksam sind: Personen, die an den Maßnahmen teilnahmen, lebten nicht nur länger, sondern gewannen zusätzliche Jahre ohne Pflegebedürftigkeit – eine deutliche Kompression der Morbidität.
2. Umsetzung und Transfer in die Praxis
Welche Erfahrungen wurden bei der Überführung wissenschaftlicher Ergebnisse in praktische Programme oder kommunale Strukturen gesammelt, und welche Faktoren haben diesen Prozess begünstigt oder erschwert?
Wir haben sehr früh gelernt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nur dann in die Praxis übergehen, wenn man konsequent mit den Akteuren arbeitet, die ältere Menschen tatsächlich erreichen. In unserem Fall waren es vor allem die Hausarztpraxen und später auch die kommunalen Strukturen. Die langjährige Zusammenarbeit mit den Hausärztinnen und Hausärzten war dabei ein zentraler Erfolgsfaktor. Sie kannten ihre Patientinnen und Patienten, konnten Empfehlungen einordnen und waren wichtige Partner, um unsere Screening-Instrumente und das LUCAS-Funktionsverständnis in die Versorgungspraxis zu tragen. Dass diese Praxen über Jahrzehnte engagiert dabei blieben, hat den Transfer enorm begünstigt.
Erfolgreich war außerdem, dass wir unsere Programme – insbesondere die Aktive Gesundheitsförderung im Alter – gemeinsam mit der Praxis entwickelt haben, also eng abgestimmt mit den Hausarztpraxen, den geriatrischen Teams und später auch mit Landesbehörden und Gesundheitsämtern. Das hat Vertrauen geschaffen und dafür gesorgt, dass die Maßnahmen als realistisch, machbar und anschlussfähig wahrgenommen wurden.
Erschwert wurde der Transfer vor allem durch strukturelle Faktoren: fehlende Ressourcen in den Kommunen, Personalengpässe, fehlende Verstetigung nach Projektende und politische Prioritäten, die sich im Zeitverlauf ändern. Auch der Ruhestand vieler beteiligter Hausärztinnen und Hausärzte sowie die zunehmende Fragmentierung der Versorgung haben den kontinuierlichen Transfer herausfordernder gemacht. Dennoch zeigt die Erfahrung der letzten 25 Jahre, dass ein ganzheitlicher, geriatrisch fundierter Ansatz – wenn er gut erklärt, gemeinsam entwickelt und praktisch erprobt wird – dauerhaft Eingang in kommunale Programme und die Regelversorgung finden kann.
3. Perspektiven für die zukünftige Gesundheitsförderung
Wo sehen Sie künftig die wichtigsten Schwerpunkte für Gesundheitsförderung und Prävention im Alter – sowohl auf kommunaler Ebene als auch im Zusammenspiel mit Land und Bund?
Entscheidend ist, die älteren Menschen selbst einzubeziehen – ihre Motivation, ihre Ziele und ihre Lebensrealität bestimmen, ob Maßnahmen wirken. Dafür braucht es niedrigschwellige Zugänge, gute Kommunikation und vor allem eine Struktur, die wie eine Art Gatekeeper funktioniert: also Personen oder Stellen, die kompetent einschätzen können, welche Angebote für wen sinnvoll sind, und dann gezielt weitervermitteln.
Zentral ist außerdem die enge Zusammenarbeit mit Hausarztpraxen und anderen lokalen Akteuren, weil ältere Menschen dort erreicht werden und Vertrauen besteht. Ein stabiles Netzwerk vor Ort – von Sportvereinen über Ernährungsberatung bis zu sozialen Beratungsstellen – ist die Grundlage dafür, dass Empfehlungen tatsächlich umgesetzt werden können. Viele Kommunen scheitern nicht am Konzept, sondern an fehlenden Ressourcen und zu wenig qualifiziertem Personal, das Zeit hat, diese Prozesse zu tragen.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Gesundheitsförderung und Prävention im Alter politisch deutlich stärker priorisiert und strukturell verankert werden. Wir wissen heute klar, dass Lebensstilveränderungen auch im hohen Alter wirksam sind und Pflegebedürftigkeit nachweislich hinauszögern können. Dafür braucht es jedoch eine klare Unterscheidung zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, mehr geriatrische Expertise in der Fläche und eine verlässliche Finanzierung.
Und ganz wichtig: Ältere Menschen sollten konsequent als Expertinnen und Experten ihres eigenen Lebens verstanden und eingebunden werden – denn sie haben ganz individuelle Prioritäten, ihr Leben auszurichten. Entscheidend hierfür sind die funktionalen Fähigkeiten (functional ability), auf deren Erhalt, Ausbau oder Wiederherstellung passgenaue Maßnahmen zielen, was ihnen hilft, gesund und selbstständig zu bleiben.
