Wenn Künstliche Intelligenz Gesprächsanlässe für Ältere schafft

KIKO – Ein technologiegestützter Ansatz gegen Einsamkeit im Alter

Ein älterer Mann in einem weißen Hemd unterhält sich mit der Holzfigur KIKO
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Projektüberblick

Einsamkeit im Alter ist eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung. Gerade ältere Menschen, die allein leben, mobilitätseingeschränkt sind oder wenig soziale Kontakte haben, brauchen niedrigschwellige Möglichkeiten, um im Alltag in Austausch zu kommen. Digitale Technologien und der Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) können hier neue Impulse setzen – werfen aber zugleich ethische, technische und soziale Fragen auf.

Ein Beispiel dafür ist KIKO – ein Wortspiel aus KI und Kommunikation sowie angelehnt an das Japanische als „Kind des Holzes“. Entwickelt wird der Ansatz von der Bona Mondo UG in Zwickau. KIKO verbindet KI-basierte Sprachkommunikation mit einer haptischen Docking-Station aus Holz, die ein vorhandenes Smartphone aufnimmt. Ziel ist es, KI-Sprachmodelle für ältere Menschen als alltagsnahe Gesprächspartner nutzbar zu machen – nicht als Ersatz für menschliche Kontakte, sondern als ergänzendes Kommunikationsangebot.

Porträtbild von Christian Atz

Interview mit Christian Atz vom 12.05.2026

Im Interview berichtet Christian Atz, Gründer und Geschäftsführer der Bona Mondo UG, über die Entstehung von KIKO, erste Erfahrungen mit älteren Nutzern, Chancen und Risiken KI-gestützter Kommunikation und darüber, welche Rolle solche Ansätze künftig in Gesundheitsförderung, Einsamkeitsprävention und digitaler Teilhabe spielen könnten.

Zum Projekt - Was ist KIKO und wie ist die Idee entstanden?

Christian Atz beschreibt die Bona Mondo UG als junges Unternehmen, das „zeitgemäße Technik für Impact“ entwickeln möchte – insbesondere mit Blick auf Alterseinsamkeit. Die Idee zu KIKO entstand aus Vorarbeiten mit Virtual-Reality-Angeboten für ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen. Dabei wurden Wunschorte älterer Menschen mit 360-Grad-Kameras aufgenommen und über VR-Brillen noch einmal erlebbar gemacht.

Diese Erfahrungen waren nach Atz’ Einschätzung „unglaublich toll für alle Beteiligten“, auch weil Betreuungskräfte gut an biografische Erinnerungen anknüpfen konnten. Zugleich zeigte sich: Der Ansatz war sehr zeitintensiv und ließ sich kaum in ein tragfähiges Geschäftsmodell überführen. Aus dieser Arbeit entstanden aber Zugänge zu Pflegeeinrichtungen und Vertrauen in der Zielgruppe.

Mit dem Aufkommen von ChatGPT und anderen Sprachmodellen stellte sich eine neue Frage: Können KI-Sprachmodelle älteren Menschen als Gesprächspartner dienen – gerade dort, wo Einsamkeit, eingeschränkte Mobilität oder wenige soziale Kontakte eine Rolle spielen? KIKO verbindet diese Idee mit einer bewusst warmen Gestaltung. Die Technik soll nicht als „kühle Plastik- oder Metalloberfläche“ erscheinen, sondern über Holz alltagsnäher wirken.

Ursprünglich plante das Team einen eigenständigeren technischen Aufbau, unter anderem mit Raspberry Pi. In der Praxis erwies sich dieser Ansatz jedoch als zu langsam und für eine dauerhafte Nutzung wenig attraktiv. Außerdem besitzen viele ältere Menschen bereits ein Smartphone und nutzen grundlegende Anwendungen wie WhatsApp. Daraus entstand ein pragmatischerer Ansatz: Das Smartphone wird zur zentralen technischen Einheit, die Holzfigur wird zur Docking-Station mit Mikrofon und Lautsprecher.

Die Gesprächsführung wird über Prompts vorbereitet. Grundlage sind Fragebögen, die gemeinsam mit einer Psychologin entwickelt wurden. Sie sollen erfassen, welche Erwartungen ältere Menschen an einen KI-Gesprächspartner haben - etwa welche Themen sie interessieren, welche Art von Ansprache sie bevorzugen und welche Kommunikationsform für sie angenehm ist.

Die bisherige Entwicklung von KIKO wurde durch zeitlich begrenzte Förder- und Unterstützungsstrukturen ermöglicht, darunter eine Modellvorhabenförderungen via ESF Plus (Sächsische Aufbaubank) sowie Unterstützung von SINN Sachsen (Sinnkubator) und der Gründungsgarage Chemnitz. Eine laufende Finanzierung über Krankenkassen oder andere Regelstrukturen der Gesundheitsversorgung besteht nach Auskunft von Christian Atz bislang nicht.

Zur Erprobung – Wie reagieren ältere Menschen auf KI als Gesprächspartner?

In der ersten Projektphase führte das Team etwa 50 Interviews mit Menschen ab 75 Jahren. Der Zugang erfolgte über Netzwerke von SINN Sachsen, Caritas, Diakonie sowie Kontakte aus dem früheren VR-Projekt. Zunächst ging es um grundlegende Fragen: Besteht überhaupt Interesse, mit KI-Technik zu sprechen? Wird sächsischer Dialekt verstanden? Sind Lautstärke, Antwortgeschwindigkeit und Sprachausgabe geeignet?

Die Rückmeldungen waren gemischt. „Viele Menschen haben gesagt: Ich verfolge das in den Medien, das ist spannend – aber ich möchte nur mit Menschen sprechen“, berichtet Christian Atz. Gleichzeitig waren etwa zwei Drittel der Vorbefragten offen für eine Teilnahme. Häufig zeigte sich zunächst eine Mischung aus Distanz und Neugier. Einzelne positive Schlüsselmomente führten dann zu größerer Offenheit.

Nach den ersten Tests stellte das Team einigen älteren Menschen den Chatbot über längere Zeit zur Verfügung. Einige nutzen ihn seit mehreren Monaten, einzelne seit fast einem Jahr. Die Nutzung ist sehr unterschiedlich: Manche fragen vor allem nach der Technik selbst: „Wer bist du?“, „Woher weißt du das?“, „Kannst du mich sehen?“ Andere führen inhaltliche Gespräche, etwa über frühere Berufserfahrungen, Computertechnik, Fußball oder aktuelle Bundesliga-Ergebnisse. 

Atz beschreibt die Nutzung als stark abhängig von kognitiven Fähigkeiten, Technikinteresse und Lebenssituation. Eine zentrale Erkenntnis war zudem, dass generische Sprachmodelle oft nicht ausreichen. „Wir haben relativ zeitnah herausgefunden, dass unspezifizierte Sprachmodelle zu langweilig für die Nutzenden waren“, sagt er. Daraus entstand der Bedarf, die Systeme stärker auf einzelne Personen und ihre Kommunikationswünsche vorzubereiten.

Eine ältere Person und eine kleine Holzfigur schauen sich an
Eine ältere Person sitzt an einem Tisch und schaut in die Kamera. Eine kleine Holzfigur mit Pullover steht auf dem Tisch.

Zu Chancen und Grenzen – Was kann KI-basierte Kommunikation gegen Alterseinsamkeit leisten?

„KI-Sprachmodelle könnten dort ergänzend helfen, wo Menschen allein leben, wenig Gesprächsanlässe haben oder Angehörige zusätzliche Impulse in den Alltag bringen möchten“, sagt Christian Atz. Die Technik kann Themen aufgreifen, die für die jeweilige Person bedeutsam sind – frühere Berufe, Interessen, Hobbys, Erinnerungen oder aktuelle Alltagsthemen. Damit kann sie Kommunikation anregen und Unterhaltung bieten.

Gleichzeitig betont Atz, dass ein offenes KI-Gesprächssystem für vulnerable Zielgruppen nicht unproblematisch ist. Besonders kritisch sieht er „Halluzinationen“ der KI, missverständliche Formulierungen und die Gefahr emotionaler Bindung an Technik. „Wenn das zu gut funktioniert, wird tatsächlich auch eine Bindung an Technik aufgebaut. Es kommt insbesondere bei vulnerablen Zielgruppen vor, dass eine Abhängigkeit geschaffen wird. Das sehe ich sehr kritisch“, sagt Atz. Ein Beispiel aus der Erprobung machte diese Ambivalenz deutlich: Eine Nutzerin empfand es als Ablehnung, als die KI vorschlug, ein Thema „auf morgen“ zu verschieben. Daraufhin wurde der Prompt angepasst.

Vorsicht prägt daher die Weiterentwicklung von KIKO. Das Team prüft stärker eingegrenzte Anwendungen mit geringerem Risiko. Ein Beispiel ist eine Gebetsbegleitung über Holzfiguren mit NFC-Technik, bei der Gebete zu Themen wie Dankbarkeit, Trauer oder Fürsorge abgespielt werden. Ein solcher Ansatz erscheint dem Team kontrollierbarer als ein offenes Gesprächssystem.

Zur Zukunft – Drei Wünsche an die Gesundheitspolitik

Laut Atz sollten Bonus- und Präventionsprogramme der Krankenkassen breiter gedacht werden. Bisher werden häufig Fitness-Tracking oder Bewegung gefördert. Aus seiner Sicht sollten auch Felder wie Einsamkeitsprävention, Kommunikation und digitale Unterstützung berücksichtigt werden – etwa durch eine Bezuschussung von Hardware oder Sprachmodell-Abonnements.

Zweitens wünscht er sich, dass Einsamkeit stärker als gesellschaftliche Herausforderung anerkannt wird. „Ich sehe es auf der gleichen Dringlichkeitsebene bezüglich gesellschaftlicher Dringlichkeit wie Klimaschutz“, sagt Atz. Zugleich habe er den Eindruck, dass Einsamkeit im Vergleich dazu noch „stiefmütterlich behandelt“ werde.

Zuletzt spricht er auch die Rahmenbedingungen für soziale Start-ups im Gesundheitswesen an. Junge Projekte ohne hohe Umsätze oder Gewinne seien früh mit Bürokratie-, Steuerberatungs- und Verwaltungskosten belastet. Atz wünscht sich daher eine Art „Welpenschutz“ für junge Unternehmen in den ersten Jahren – mehr Freiraum zum Entwickeln, Testen und Lernen.

Damit verweist das Interview auf eine größere Frage: Wie können soziale Innovationen im Bereich Alter, Einsamkeit und digitaler Teilhabe entstehen, ohne an Bürokratie, fehlender Finanzierung oder ungeklärten Verantwortungsfragen zu scheitern? KIKO zeigt in diesem Zusammenhang weniger ein fertiges Versorgungsmodell als vielmehr einen wichtigen Suchprozess: Wie kann Technik im Alter menschlicher, sicherer und wirksamer gestaltet werden – und wo liegen ihre Grenzen?

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